Schematic drawing of the iuventa vessel

Das Schiff

Iuventa im Einsatz.

Die Iuventa wurde 1962 gebaut, als Stahlmotorschiff, 32 Meter lang und knapp 7 Meter breit. Sie war zunächst ein Fischerboot, dann ein Offshore-Versorgungsschiff unter dem Namen ALK EXPLORER. Im Laufe der Jahrzehnte wechselte sie mehrfach ihre Funktion. Im Juni 2016 kaufte Jugend Rettet sie für 130.000 Euro, gab ihr einen neuen Namen und schickte sie nach Süden. Iuventa. Lateinisch für Jugend.

Sie wurde nicht für Komfort oder Geschwindigkeit gebaut, sondern dafür, raue See auszuhalten. Und das tat sie: In mehr als 16 Einsätzen über kaum mehr als ein Jahr Einsatzgebiet war die Iuventa direkt an der Rettung von mehr als 23.000 Menschen beteiligt. Als eines der kleineren Schiffe in der zivilen Rettungsflotte agierte sie als First Responder und nutzte ihre RHIBs als schnelle, eigenständige Einheiten, die Menschen in Seenot schneller erreichten, als größere Schiffe hätten ankommen können. Mehr als 9.000 Menschen kamen an Bord. Tausende weitere wurden auf dem Wasser versorgt.


Die Brücke war das Herz des Schiffes: Navigation, Funk, Missionsplanung. Und zwischen den Einsätzen der erste Kaffee des Morgens, leise Gespräche, die Art von Vertrautheit, die zwischen Menschen entsteht, die sich entschieden haben zu handeln.


Die Krankenstation war im Laderaum untergebracht: ein Raum, eine Trage, die Ausrüstung eines Rettungswagens. Hunderte von Menschen wurden hier behandelt. Aber an den meisten Tagen dehnten sich die Behandlungsbereiche über die Decks aus, überall dort, wo Platz war und wo es gebraucht wurde.


Das Deck war in jeder Hinsicht ein Mehrzweckraum: Arbeitsplatz für Reparaturen, Ort für Meetings und Trainings, Lebensraum für die Crew. Und vor allem der Ort, an dem gerettete Menschen ankamen und einen ersten Moment der Ruhe, der Fürsorge fanden.


Der Maschinenraum war das Herz des Schiffes: Hauptmotor, Generatoren, Entsalzungsanlage. Die Iuventa lief auf dem, was hier unten am Leben erhalten wurde. Doch auf der Iuventa bot dieser enge Raum auch Schutz wenn sich die sogenannte libysche Küstenwache oder andere feindselige Akteure dem Schiff näherten.


Die Kombüse war mehr als Küche und Speisesaal: Die meisten Gruppentreffen, Briefings und Diskussionen fanden hier statt. Wie die Brücke war sie einer jener Orte, an denen man fast immer jemanden zum Reden fand. Der Ort, um den herum ein Schiff wächst.


Iuventa nach der Beschlagnahme.

Als das Schiff am 2. August 2017 beschlagnahmt wurde, füllte der blaue Rumpf der Iuventa die Titelseiten von Zeitungen auf der ganzen Welt.

Am 4. August wurde die Iuventa in den Hafen von Trapani überführt. Unter intensiver öffentlicher Aufmerksamkeit wurde die „Tatwaffe" hinter abgesperrten Bereichen eingeschlossen und rund um die Uhr von einem Küstenwachschiff bewacht. Als das Interesse nachließ, wurde sie in den offenen Teil des Hafenbeckens verlegt, wo die Behörden sie schlicht sich selbst überließen, bis zum Ende des Verfahrens. Fast sieben Jahre lang lag das Schiff an diesem Kai, den Elementen ausgesetzt, ohne Wartung.

Nach drei Jahren wurde die vordere Luke der Brücke bei einem Einbruch aufgebrochen. Ausstattung und Ausrüstung wurde gestohlen. Das Innere des Schiffs durchwühlt und verwüstet. Eine Anzeige wurde erstattet, aber ein weiteres Jahr lang änderte sich nichts. Niemand wurde zur Rechenschaft gezogen. Unsere Anwält:innen schickten wiederholt schriftliche Anfragen für technische Inspektionen und grundlegende Motorwartungen, um irreversible Langzeitschäden zu verhindern. Der Eingang der Anfragen wurde bestätigt, der Inhalt zur Kenntnis genommen und dann in der Praxis ignoriert.

Im Dezember 2022 konnte das Gericht nicht länger ignorieren, was Marineexpert:innen bestätigt hatten: Die Iuventa drohte aufgrund der durch jahrelange Vernachlässigung verursachten Schäden zu sinken. Das Gericht ordnete an, sie in einer nahe gelegenen Werft trocken zu legen. Doch zur Überraschung aller ging der Richter weiter: Er ordnete an, umfangreiche Wartungsarbeiten durchzuführen, um das Schiff in den Zustand zurückzuversetzen, in dem es sich vor der Beschlagnahme im August 2017 befunden hatte.

Im April 2024, als die Anklage in den Strafverfahren gegen die Crew fallen gelassen wurde, wurde eines klar: Die Iuventa war nie ein „Beweisstück" für eine Straftat gewesen. Sie war eine Requisite, beschlagnahmt, um Ermittlungserfolge gegen NGOs vorzutäuschen und eine Geschichte glaubwürdig zu machen.

Sie wurde uns in einem derart desolaten Zustand zurückgegeben, dass wir sie nicht einmal in Besitz nehmen konnten: Sie ist nicht in der Lage, sicher von ihrem Liegeplatz wegzufahren. Als unsere Gutachter:innen sie endlich ordentlich untersuchen konnten, waren die Befunde präzise und vernichtend. Fortgeschrittene Korrosion im gesamten Rumpf. Deckplatten ohne strukturelle Integrität. Ein festgefressener Propeller. Durch Bewuchs blockierte Ventile. Das gesamte Innere in einem Zustand völligen Verfalls.

Die Kosten für die Reinigung und Wiederherstellung der Iuventa in den Zustand zum Zeitpunkt der Beschlagnahme übersteigen ihren geschätzten Marktwert.

Wir verklagen nun das italienische Ministerium für Infrastruktur und Verkehr auf Schadenersatz. Das Verfahren läuft. Der Schaden ist dokumentiert, bewertet und real. Wir kämpfen dafür, dass die Zerstörung dieses Schiffes, und das, wofür es steht, einen Preis hat. Einen Preis, den die Verantwortlichen zu begleichen haben. Nicht wir.

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