Die Gewalt der Stellvertreter
Am 24. September 2016 enterten bewaffnete Männer der sog. libyschen Küstenwache die Iuventa in internationalen Gewässern. Der Bericht des Kapitäns schildert die Ereignisse.
Tagesbericht, 24.09.2016 – Boarding durch die sog. libysche Küstenwache
Am Morgen des 24. September, bei rauem Seegang, begann die Iuventa mit Suchfahrten in der 24-Seemeilen-Zone. Den ganzen Tag über liefen zähe Telefonate mit MRCC Rom über einen Seenotfall 90 Seemeilen entfernt.
Mitten in diesen Suchfahrten bemerkte der 2. Steuermann auf dem Radar ein Schiff, das sich mit rund 24 Knoten aus Süden näherte: direkter Kurs auf die Iuventa. Alle Versuche, es über UKW-Seefunk zu erreichen, blieben erfolglos. Wir informierten alle umliegenden Seefunkstellen, MRCC Rom und das Berliner Büro über Satellitentelefon.
Bald war klar: Es war die sog. libysche Küstenwache (LyCG), mit einem Schiff vom Typ Damen SP 1605. Wir bereiteten uns auf das Schlimmste vor: Die Crew versammelte sich zunächst in der Messe, dann ging es, in Vorbereitung eines Lockdowns des Schiffs, in den Maschinenraum. Nur Kapitän und Einsatzleiter blieben auf der Brücke.
Das libysche Schiff fuhr an Steuerbord an die Iuventa heran und forderte uns auf zu stoppen. Fünf Personen an Bord, alle uniformiert. Zwei trugen Maschinengewehre. Eine Verständigung war kaum möglich: Die Männer sprachen praktisch kein Englisch, wir kein Arabisch. Wir wurden angeschrien, ohne zu verstehen, was man von uns wollte.
Unser Einsatzleiter ging an Deck, um die Situation zu deeskalieren, Kommunikation aufzubauen und gegebenenfalls Leinen zu übergeben. Noch bei voller Fahrt kam das Küstenwachschiff längsseits und rammte dabei die Steuerbordseite der Iuventa. Eine bewaffnete Person sprang an Deck und drückte den Einsatzleiter mit der Waffe gegen die Wand. Ein Mann, der der Kommandant zu sein schien, folgte. Der Bewaffnete „sicherte" mit Maschinengewehr im Anschlag das Deck und gab Anweisungen an die restliche Mannschaft. Auch diese betrat die Iuventa und begann sie zu durchsuchen, aggressiv im Auftreten, immer mit vorgehaltener Waffe. Die Crew wurde aus dem Maschinenraum geholt, alle versammelten sich auf der Brücke.
Dem Kapitän gegenüber erklärte der Kommandant: „Libyan Coastguard, no problem. Just control." Und dann: „Leave my waters, leave my area, now!"
Wir taten, was wir von anderen NGOs mit denselben Erfahrungen gelernt hatten: Deeskalation, Gastfreundschaft und Offenheit zeigen. Anders gesagt, wir beschwichtigten und akzeptierten.