Die Spinelli-Affäre
Seifenoper, True-Crime-Spannung, kalkulierte Schmutzkampagnen: Es war nur eine Frage der Zeit, bis wir unsere eigenen internen „Affären" bekamen.
Stefano Spinelli, Koordinator der medizinischen Teams der Iuventa, hatte seine Zweifel: an der Crew, an der Taktik, an der Strategie. „Diese deutschen NGOs", sagte er einem MSF-Kollegen, „die kommen alle aus einem No-Border-Hintergrund. Die kennen den Unterschied nicht zwischen einem humanitären Mandat und einem aktivistischen."
Was er nicht wusste: Sein Telefon wurde abgehört. Dieses Gespräch landete, wie so viele andere, zuerst in einer Ermittlungsakte, und dann auf den Schreibtischen der Redaktionen. Bald waren die Zeitungen voll mit Zitaten wie diesem: „Das Verhalten dieses Teams beschädigt den Ruf jedes NGO-Schiffs, das derzeit im Einsatz ist."
Spinelli war ein perfekter Protagonist. Ein italienischer Arzt, Vorstandsmitglied der humanitären NGO Rainbow for Africa, engagiert in medizinischen Entwicklungsprojekten im Globalen Süden, und er wurde zum Gewissen, das die Linie zog zwischen „legitimer humanitärer Arbeit" und „politischem Aktivismus".
Ganz aus der Luft gegriffen war die Rolle nicht. Als medizinischer Koordinator für die Iuventa führte Spinelli oft selbst die Gespräche mit dem MRCC, gerade wenn es um die umkämpfte Frage ging, wer die Geretteten übernimmt und nach Italien bringt. Dabei bekam er früh zu spüren, wie wenig die italienischen Behörden vom radikalen Kurs der Iuventa hielten. Er ging immer wieder auf Abstand. Gerade dadurch wurde er interessant für die Ermittler, die sein Telefon abhörten und sich schmutzige Interna von ihm erhofften. Als die Iuventa beschlagnahmt wurde und die Ermittler Auszüge aus seinen abgehörten Gesprächen und E-Mails an die Presse durchstachen, war Spinelli wütend: aus dem Zusammenhang gerissen, sagte er. Das mag stimmen. Aber die Position des „neutralen Mediziners mit rein humanitären Absichten", auf die er sich zurückgezogen hatte, war da längst wichtig und nützlich, für alle, die von der Spaltung profitierten.