Die sog. libysche Küstenwache

Die sog. libysche Küstenwache

LCG, ein Konglomerat aus Milizen und halbstaatlichen Einheiten mit Verbindungen zur Regierung der Nationalen Einheit (GNU). Sie ist Vollstrecker und Nutznießer eines Internierungs-Industriekomplexes, der für ein Jahrzehnt der Menschenrechtsverletzungen und illegalen Rückführungen nach Libyen verantwortlich ist.

Wer ihre Einsätze am eigenen Leib erfahren hat, benutzt nicht die neutrale Sprache institutioneller Beschreibung. Refugees in Libya, die selbstorganisierte Bewegung von Überlebenden des libyschen Lagersystems, benennt es klar: „Durch die Hintertür finanziert und rüstet die EU Milizen und Küstenwachen aus", im vollen Wissen, dass jede abgefangene Person automatisch in unbefristete willkürliche Haft kommt, ohne jede richterliche Überprüfung.

Zwischen Januar 2018 und September 2025 wurden mindestens 145.437 Menschen abgefangen, oft in internationalen Gewässern, und gewaltsam in libysche Lager zurückgebracht, wo ihnen Folter, Versklavung, sexualisierte Gewalt und willkürliche Haft drohen. Diese Zahlen sind IOM-Daten; die tatsächliche Zahl liegt mit großer Sicherheit höher.


Am 30.06.2021 wurde die Crew des Aufklärungsflugzeugs Seabird Zeugin eines brutalen Angriffs der sog. libyschen Küstenwache auf 50 Menschen in Seenot.

EU-Finanzierung und Komplizenschaft

Die LCG existierte zwar schon vor 2017, doch erst die Schaffung der libyschen Search-and-Rescue-Zone durch die Internationale Seeschifffahrtsorganisation, kombiniert mit dem Italien-Libyen-Deal, löste den massiven Anstieg der EU-Investitionen aus. Die Unterstützung umfasste mindestens:

Schiffe: 20 bis 40 Boote zwischen 2017 und September 2025

Finanzielle Unterstützung: über 465 Millionen Euro aus dem EU Emergency Trust Fund for Africa

Training und Koordination: durch EU-Agenturen, darunter Frontex und EUBAM (European Union Border Assistance Mission)

Über die direkte Unterstützung hinaus hat Frontex regelmäßig die per Drohnenüberwachung gewonnenen Koordinaten von Booten mit fliehenden Menschen an die LCG weitergegeben, was Abfangaktionen und erzwungene Rückführungen als direkte Folge hatte. Die EU hat die LCG also nicht bloß finanziert: Sie hat ihre Einsätze aktiv gelenkt.


Am 2. März 2024 unterbrach die sog. libysche Küstenwache gewaltsam einen laufenden Rettungseinsatz der Humanity 1.

Gewalt auf See

Die Gewalt der LCG ist umfassend dokumentiert. Es sind vor allem die Zeugnisse der Überlebenden und derjenigen, die vor Ort arbeiten, die dieser Dokumentation ihr Gewicht und ihre überprüfbare Realität geben. Der Sea-Watch-Bericht „Episodes of violence by the so-called Libyan coastguard and other Libyan militias at sea: 2016–September 2025" verzeichnet Schüsse, Tote bei Abfangaktionen, Kaperungen von Rettungsschiffen, gefährliche Manöver, behinderte Rettungen, Schläge gegen Menschen in Seenot und das Zurücklassen von leblosen Körpern auf dem Meer. Mindestens 54 der dokumentierten Vorfälle ereigneten sich in internationalen Gewässern. Die Dunkelziffer wird erheblich höher geschätzt.

Die Gewalt richtet sich in erster Linie gegen Geflüchtete und Migrierende selbst. Doch es kommt auch immer wieder zu gewaltsamen Konfrontationen zwischen den Milizen und den zivilen Rettungskräften. Diese Konfrontationen haben sich über fast ein Jahrzehnt stetig zugespitzt. Was die Iuventa-Crew im September 2016 erlebte, Einschüchterungsmanöver und die Drohung einer bewaffneten Übernahme des Schiffes, war der Anfang. Jahre der Straflosigkeit führten zu einer systematischen Eskalation: von Schikane und gefährlichen Manövern bis zum Einsatz scharfer Munition gegen Rettungsschiffe.

Im August 2025 griff ein Boot, das Italien im Rahmen des EU-finanzierten SIBMMIL-Programms an die LCG übergeben hatte, das Rettungsschiff Ocean Viking in internationalen Gewässern an und feuerte eine erhebliche Zahl von Schüssen ab, wodurch das Leben von über dreißig Crewmitgliedern und siebenundachtzig Geflüchteten an Bord in Gefahr geriet.

Am 11. Mai 2026 attackierten bewaffnete Boote mit Verbindung zur sog. libyschen Küstenwache die Sea-Watch 5: erst ein einzelner Schuss, dann eine Salve von 10 bis 15 Schüssen, kurz nachdem die Crew rund 90 Menschen von einem überfüllten Holzboot gerettet hatte, etwa 27 Meilen vor der libyschen Küste. Italien reagierte mit der Eröffnung eines Strafverfahrens, allerdings nicht gegen die Täter, sondern gegen den Kapitän der Sea-Watch 5.

Quellen und weiterführende Literatur

Refugees in Libya: Zeugnisse und Dokumentation von Überlebenden
https://www.refugeesinlibya.org

IOM-Daten: „The Libyan coast guard – explained"
https://www.infomigrants.net/en/post/67224/the-libyan-coast-guard--explained

Sea-Watch: „Episodes of violence by the so-called Libyan coastguard and other Libyan militias at sea: 2016–September 2025"
https://sea-watch.org/en/60-libyan-attacks-at-sea

Statewatch, 2025: „EU-funded aggression: how years of impunity led to the attack on the Ocean Viking"
https://statewatch.org/analyses/2025/eu-funded-aggression

ECCHR: „Interceptions of migrants and refugees at sea"
https://www.ecchr.eu/en/case/interceptions-of-migrants-and-refugees-at-sea/

UN OHCHR: „Independent Fact-Finding Mission on Libya"
https://www.ohchr.org/en/hr-bodies/hrc/libya

FragDenStaat: Sachstand Mission IRINI, Februar 2026
https://fragdenstaat.de/dokumente/274948-sachstand-mission-irini-24022026/

nd-aktuell, 2026: „EU verdoppelt Pullback-System in Libyen"
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1196622.migrationsabwehl-eu-verdoppelt-pullback-system-in-libyen.html

Glossary