Die Politik der Trauer
Ein Papst, der die „Globalisierung der Gleichgültigkeit" beklagt. Innenminister, die Seenotrettung zum „Pull-Faktor" erklären. Zwischen 2013 und 2015 lernte Europa, das Sterben zu betrauern und es zugleich zu organisieren.
2013: der Papst auf Lampedusa. Theatralische Gesten, feierliche Reden, für die Menschlichkeit, gegen das Sterben, gegen „la globalizzazione dell'indifferenza", die Globalisierung der Gleichgültigkeit. Ein Moment, den die Welt sah und bei dem sie etwas fühlte.
2015: dasselbe Meer, dasselbe Sterben, dieselben Klage. Nur die Politik hatte sich verschoben. 2013 trauerten die Staatschefs noch, 2015 standen sie vor den Konsequenzen ihrer Entscheidungen.
Quer durch Europa reihten sich Innenminister auf, um Mare Nostrum nicht zur Rettungsoperation, sondern zum Pull-Faktor zu erklären: „eine Brücke nach Europa", in den Worten des deutschen Innenministers Thomas de Maizière, ein Programm, das „perverse Anreize" schaffe und auf Komplizenschaft mit Menschenhändlern hinauslaufe. Sie drängten darauf, es durch Triton zu ersetzen: eine Grenzüberwachungsmission ohne Seenotrettungsmandat.
Als im April 2015 bei zwei Schiffsunglücken 1.200 Menschen ertranken, folgten die Krisengipfel, und mit ihnen die Bühnen für die politische Inszenierung. Manche erklärten es für „einen schweren Fehler, die Operation Mare Nostrum zu beenden". Andere brachen ihren Urlaub ab, um Krisensitzungen ihrer Kabinette abzuhalten, und appellierten an die europäischen Partner, ihr Land nicht allein zu lassen. Die EU-Kommission präsentierte einen „Plan zur Lastenteilung".
Doch es waren nicht die Regierungen, die die Lücke füllten. Es waren MSF, Open Arms, Sea-Watch, Iuventa, Sea-Eye: die Zivilgesellschaft in gebrauchten Booten, die das Vakuum füllte, das die Politik bewusst geschaffen hatte.