Sommer der Migration

Sommer der Migration

Im „langen Sommer der Migration" 2015 stellten Tausende Menschen in Bewegung die Festung Europa vor eine beispiellose Herausforderung und durchbrachen das Grenzregime, für kurze Zeit.

Der „lange Sommer der Migration" war keine Flüchtlingskrise, sondern eine historische und strukturelle Niederlage des europäischen Grenzregimes.

Unter dem Banner von Schengen war eine rassistische und klassistische europäische Mobilitätsordnung errichtet worden, die den „Interessen" der europäischen Hegemonialmächte diente. Sie verband die Ausweitung des Binnenmarkts und die Freizügigkeit innerhalb Europas für die einen mit dem rigiden Ausschluss all jener aus Regionen, die nicht in die neoliberale, postkoloniale Ordnung passten. Migration wurde zum Objekt der Überwachung, das Mittelmeer zur militarisierten Todeszone.

Beharrliche Migrationsbewegungen durchbrachen diese Ordnung. Hunderttausende überquerten das Mittelmeer und überwanden Europas Zäune und Stacheldraht. Grenzübertritte wurden als kollektive, politisierte Akte sichtbar, als direkte Herausforderung des europäischen Mobilitätsregimes.

Zwischen dem 3. und 5. September 2015 mündete all das in den „March of Hope", einen ikonischen Moment, in dem Zehntausende allen Repressionen zum Trotz von der Türkei über Griechenland die Westbalkanroute entlangzogen. Als Deutschland und Österreich am 5. September offiziell ihre Grenzen öffneten, brach das System zusammen.

Dieser historische Moment endete nicht mit einem Massaker auf einer Autobahn oder in ungarischen Lagern, sondern damit, dass die Menschen am nächsten Tag am Münchner Hauptbahnhof ankamen, begrüßt vom Applaus ganzer Reihen von Unterstützer:innen.


Der „lange Sommer der Migration" wurzelte in zwei zentralen Folgen der arabischen Aufstände.
Erstens ging der brutale syrische Bürgerkrieg 2015 in sein fünftes Jahr und zwang mehr als die Hälfte der Bevölkerung zur Flucht, die meisten in Nachbarländer wie die Türkei, den Libanon und Jordanien, wo sie unter äußerst prekären Bedingungen lebten. Als die internationale Hilfe zurückging und die Aussichten sich verschlechterten, machten sich viele nach Europa auf, oft gestützt auf die Netzwerke, Fähigkeiten und demokratischen Hoffnungen, die in den Aufständen entstanden waren.

Zweitens begann das europäische Grenzregime im Mittelmeer zu erodieren. Der Sturz autoritärer Partner wie Gaddafis in Libyen brachte die EU-Strategie der Externalisierung von Migrationskontrolle ins Wanken, während Italiens Operation Mare Nostrum 2013/14 zeitweilig die Rettung von Leben über die Abschreckung stellte.

Im Frühjahr 2015 überquerten immer mehr Menschen die Grenze von der Türkei nach Griechenland und zogen weiter über die Balkanroute, die sich für einige Monate in einen Korridor staatlich organisierter Weiterreise verwandelte. Zwischen März 2015 und März 2016 erreichten auf diesem Weg über eine Million Menschen die EU.

Der Sommer 2015 verkörperte auch die Vision eines anderen, von unten aufgebauten Europas, getragen von praktischer Solidarität.
In dieser Zeit zugespitzter Kämpfe um Bewegungsfreiheit nahmen private Rettungsschiffe wie MOAS, Sea-Watch, MSF und kurz darauf die Iuventa ihre Arbeit auf See auf und wurden zu einer der letzten verbliebenen Rettungsleinen nach Europa für Menschen in Bewegung.

Die Organisierung rund um Schiffe knüpfte an den Ansatz direkter Aktion an, wie ihn Initiativen wie das Alarm Phone verfolgten, das seit 2014 ein weitverzweigtes Netzwerk von Aktivist:innen aufgebaut hatte, um Migrant:innen auf ihrem Weg telefonisch beizustehen und Seebehörden zur Erfüllung ihrer Rettungspflicht zu drängen. Nun organisierten sich Aktivist:innen, um selbst zu retten. Seither versuchen Regierungen, die Kontrolle zurückzugewinnen: mit verschärften Gesetzen, neuen Zäunen, „Hotspots", eingeschränkten Asylrechten, ausgebauten Abschiebesystemen und der Auslagerung der Grenzdurchsetzung an Länder wie die Türkei oder Libyen. Die EU verfolgt weiterhin Strategien, die Migrationskontrolle zu zentralisieren und über ihre Grenzen hinaus zu externalisieren.

Die Geschichte der Iuventa gehört zu beiden Seiten dieser Geschichte. Sie war gelebter Ausdruck von Solidarität, von der Überwindung von Grenzen, von friedlichem Protest, Widerstand und praktischer Unterstützung für migrierende Menschen. Sie war Teil der subversiven Gegenbewegung gegen rassistische Selektion. Zugleich wurde sie zum Testfeld und zum Symbol für den repressiven Wiederaufbau von Macht und Kontrolle.


Mehr über den SUMMER OF MIGRATION und den MARCH OF HOPE:

Interaktive TIMELINE zum langen Sommer der Migration

https://www.assoziation-a.de/buch/der_lange_sommer_der_migration/

https://bordermonitoring.eu/ungarn/2015/09/of-hope-en/ 

https://moving-europe.org/march-of-hope-3/

We walk together – A Syrian family’s journey from Hungary to Germany
Ein starker Film über den Marsch der Hoffnung - @theguardian
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