Die Einsatzstrategie der Iuventa
Unser Einsatzkonzept war so simpel wie wirksam: aktiv nach den Booten suchen, „das Beste für die Meisten" tun, die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellen. Einfach. Direkt. Lebensrettend.
Konkret hieß das:
- Aktiv nach Booten in Seenot suchen: entlang der bekannten Fluchtkorridore, wo Seenot am wahrscheinlichsten eintritt, rund um die Uhr in Bereitschaft.
- Menschen in Seenot so schnell wie möglich sichern, mit Rettungswesten, Rettungsinseln und Auftriebsmitteln, und so viele wie möglich an Bord nehmen.
- Lebensbedrohliche Verletzungen behandeln.
- Besonders Schutzbedürftige identifizieren und versorgen.
- Für einen schnellen und sicheren Transport nach Italien sorgen.
Die Rettung eines Boots in Seenot bestand damals aus sechs grundlegenden Schritten:
- Die Brücke erhält die Information über Menschen in Seenot: durch die italienische Seenotleitstelle (IMRCC), die Marine, eine andere zivile Rettungsorganisation oder die eigene Crew, die mit Ferngläsern konstant Ausschau hielt.
- Während das Schiff Kurs auf das Boot nimmt, plant die Crew das Vorgehen und bereitet die Ausrüstung vor.
- In Reichweite werden die RHIBs ausgesetzt: Erstkontakt herstellen, Informationen sammeln. Zustand des Boots, Verletzte, besonders Schutzbedürftige, weitere Boote in Seenot im Gebiet.
- Die RHIB-Crew verteilt Rettungswesten und leistet erste medizinische Hilfe
- Die Crew nimmt die Menschen an Bord der Iuventa oder stabilisiert sie auf dem Wasser, bspw wenn ein größeres und geeigneteres Schiff für die weitere Versorgung zeitnah eintrifft
- Die Iuventa übergibt die Geretteten. Die Crew reinigt das Schiff und bereitet sich auf die nächste Rettung vor.
Die Iuventa bot einen „vorübergehenden sicheren Ort" für Menschen auf dem Weg über das Mittelmeer. Doch was die Behörden bedrohte, war nicht, dass wir Leben retteten. Sondern dass wir sicherstellten, dass die Menschen nicht nach Libyen zurückgebracht wurden. Dass sie die europäischen Küsten erreichten, wo sie ihr Recht auf Asyl wahrnehmen konnten.
Kooperation
Die Zusammenarbeit mit der zuständigen italienischen Seenotleitstelle (IMRCC) und allen im Gebiet beteiligten Rettungseinheiten war für uns Prinzip und Notwendigkeit zugleich.
Transparenz
Um die Seenotrettung so effektiv wie möglich zu koordinieren, gewährleisteten wir den bestmöglichen Datenaustausch. Die Iuventa war jederzeit vollständig transparent, was Position, Kurs, Geschwindigkeit und Absicht betraf. Der Austausch mit der MRCC lief über die auf hoher See üblichen Kanäle (AIS, GPS-Positionsdaten, INMARSAT, Satellitenkommunikation) und umfasste darüber hinaus:
- Zeitpunkt des Auslaufens aus Valletta, voraussichtliche Ankunft im Einsatzgebiet, Suchabsichten, Kapazitäten, usw.
- Täglich POSREP (Position Report: Position, Kurs, Geschwindigkeit, Absicht) und SITREP (Situation Report: dazu die vorgefundene Lage, etwa Sichtungen; Beginn, Verlauf und Ende einer Rettung)
Rund um die Uhr war die Iuventa erreichbar für Anweisungen und Anfragen der MRCC, via INMARSAT, E-Mail oder Telefon. Die italienische Küstenwache und Frontex inspizierten die Iuventa mehrfach; dabei stellten wir sämtliche für die Rettungen relevanten Informationen zur Verfügung, einschließlich Bildern, POSREPs und SITREPs.
Koordination
Alle Rettungseinsätze der Iuventa liefen mit Wissen, Genehmigung oder unter direkter Koordination der MRCC / des OSC. Koordination heißt: Die MRCC entscheidet, welches Schiff zu welchem Notfall fährt, welche Schiffe die Geretteten übernehmen und wer sie in italienische Häfen bringt.