Mayday - Osterwochenende 2017
Manövrierunfähig waren wir gezwungen, einen MAYDAY-Ruf abzusetzen.
Die Recherche von Forensic Oceanography beschriebt die Ereignisse des Wochenendes wie folgt:
Der Beginn des Jahres 2017 zeigt keinerlei Anzeichen dafür, dass die Überfahrten von Migrant:innen abnehmen oder die Gefahr der Überfahrt geringer wird.
Obwohl sie seit Monaten unter ständigen Angriffen stehen, spielen die SAR-NGOs weiterhin eine zentrale Rolle bei den Such- und Rettungseinsätzen im zentralen Mittelmeer, wie die Ereignisse des Osterwochenendes beispielhaft zeigen.
Zwei Jahre nach den Schiffskatastrophen vom April 2015, die 1.200 Menschen das Leben kosteten, verzeichnete der April 2017 erneut Rekordzahlen bei den Überfahrten. Zwischen dem 14. und 16. April 2017 wurden 9.262 Menschen gerettet, die auf 55 verschiedenen Booten unterwegs waren: eine der größten konzentrierten Such- und Rettungsaktionen im Mittelmeer der letzten Jahre. Diese SAR-Ereignisse haben die anhaltende Abwesenheit staatlicher Rettungskapazitäten deutlich gemacht.
„Laut MRCC-Daten", berichtete der Guardian, „wurde von den 25 an den Rettungseinsätzen des Osterwochenendes beteiligten Schiffen eines von Frontex und eines von EUNAVFOR MED betrieben. Zehn gehörten NGOs, sechs der italienischen Küstenwache, sechs waren Handelsschiffe und eines war ein Schiff der italienischen Marine."Frontex hat uns gegenüber zwar später klargestellt, dass einige der im Guardian-Artikel genannten Einheiten der italienischen Küstenwache von Frontex mitfinanziert wurden und damit technisch Teil der Operation Triton waren. Zugleich räumte Frontex jedoch ein, dass nur 6 seiner 16 Einheiten in einem Gebiet nahe der Rettungseinsätze im Einsatz waren und sich somit in irgendeiner Form an den Rettungsbemühungen beteiligen konnten. Auch EUNAVFOR MED bestätigte uns, dass nur eines seiner Schiffe an den Einsätzen teilnahm, da die 4 anderen Schiffe der Operation entweder im Hafen lagen oder mit anderen Aufgaben beschäftigt waren. In diesem Kontext haben die NGOs erneut eine führende Rolle bei den Rettungseinsätzen gespielt.
Das Netzwerk Watch The Med-Alarm Phone, das in direktem Kontakt mit zwei Booten in Seenot und mehreren der vor Ort tätigen NGOs stand, fasste zusammen: „Die in dem Gebiet anwesenden NGO-Schiffe arbeiteten an der Grenze ihrer Kapazitäten. [...] Allein die Crew der Migrant Offshore Aid Station (MOAS) rettete mehr als 1.500 Menschen von 9 seeuntüchtigen Booten und nahm Hunderte an Bord ihres Schiffes Phoenix. Das Rettungsschiff Iuventa der NGO Jugend Rettet nahm ebenfalls Hunderte Menschen an Bord. Manövrierunfähig war die Crew am Sonntag sogar gezwungen, einen MAYDAY-Ruf abzusetzen. Glücklicherweise konnte sie ihren Rettungseinsatz erfolgreich abschließen und sicher nach Malta zurückkehren."Neben den Schiffen der SAR-NGOs war auch das neu gestartete NGO-Aufklärungsflugzeug Moonbird entscheidend daran beteiligt, die Position mehrerer Boote in Seenot zu bestimmen, die andernfalls womöglich unbemerkt einem tragischen Schicksal entgegengetrieben wären. Die Präsenz der Moonbird ist eine grundlegende Antwort auf die 2016 verzeichnete abnehmende Verfügbarkeit von Satellitentelefonen und zeigt die außergewöhnliche Fähigkeit der Zivilgesellschaft, auf sich verändernde Praktiken auf See zu reagieren, um sicherere Überfahrten zu ermöglichen.
Die Ereignisse des Osterwochenendes verdeutlichen die anhaltende Abwesenheit einer ausreichenden Zahl staatlicher Rettungskapazitäten und die entscheidende Rolle der SAR-NGOs, die diese Lücke füllen. Während die Zahl der Menschen, die über Ostern 2017 die Überfahrt wagten, mit der vom April 2015 vergleichbar war, wurden dank der bemerkenswerten Arbeit all dieser SAR-Akteure am Osterwochenende 2017 „nur" 115 Todesopfer verzeichnet, statt der 1.200 bei den Schiffskatastrophen vom 12. und 18. April 2015. Ohne die Einsätze der SAR-NGOs wäre die Zahl der Toten weit höher gewesen.
Die lebensrettende Rolle der SAR-NGOs hervorzuheben ist das stärkste Gegenmittel gegen das toxische Narrativ, das gegen sie verbreitet wurde. Umso besorgniserregender ist jedoch die Aussicht, dass sie ihre Aktivitäten aussetzen oder einschränken müssen. Die Arbeit der SAR-NGOs muss weitergehen können, ohne erpresst und kriminalisiert zu werden. Angesichts der entsetzlichen Zahl an Toten, die das Produkt der EU-Abschottungspolitik ist, muss das Recht auf Solidarität behauptet werden.
Solange Migrant:innen mangels legaler Wege gezwungen sind, auf Schleuser zurückzugreifen, wird proaktive Seenotrettung eine humanitäre Notwendigkeit bleiben, ob sie nun von Staaten oder NGOs betrieben wird. Nur eine grundlegende Neuausrichtung der EU-Migrationspolitik hin zu legalen und sicheren Wegen kann das Schleusergeschäft, die tägliche Realität Tausender Menschen in Seenot und die Notwendigkeit ihrer Rettung beenden.