Tod an den Grenzen – das Mittelmeer und darüber hinaus

Tod an den Grenzen – das Mittelmeer und darüber hinaus

Die IOM hat seit 2014 mehr als 35.000 Tote im Mittelmeer dokumentiert. Das Italienische Rote Kreuz schätzt die tatsächliche Zahl auf 100.000 bis 200.000. Die Differenz ist kein statistischer Streit, sie ist das Maß dessen, was sich nicht zählen lässt: die unzähligen Boote, die kenterten, ohne Überlebende, ohne Zeug:innen, ohne Aufzeichnung. Menschen, die verschwanden, ohne je registriert worden zu sein.

Jede Zahl in diesen Statistiken steht für einen Menschen. Es handelt sich um Mindestschätzungen, die tatsächliche Zahl der Toten liegt mit Sicherheit weit höher.

Die IOM-Zahlen selbst unterstreichen das: Allein 2025 wurden mindestens 1.500 weitere Menschen als auf See vermisst gemeldet, konnten aber wegen des eingeschränkten Zugangs zu Informationen über Seenotrettungseinsätze nicht verifiziert werden. Mindestens 270 menschliche Überreste wurden an Mittelmeerküsten angespült, ohne dass sie einem bekannten Schiffbruch zugeordnet werden konnten.

Dokumentierte Tote und Vermisste im Mittelmeer (IOM Missing Migrants Project; Mindestschätzungen)

  • 2014: 3,279
  • 2015: 3,771
  • 2016: 5,096 – die höchste je dokumentierte Zahl innerhalb eines Jahres
  • 2017: 3,139
  • 2018: 2,299
  • 2019: 1,885
  • 2020: 1,544
  • 2021: 2,048
  • 2022: 2,411
  • 2023: 3,155
  • 2024: 2,452
  • 2025: 2,185
  • 2026: 990 dokumentiert bis Anfang April. Der Januar ist der tödlichste Monat seit Beginn der IOM-Datenerhebung 2014. Bis Anfang April wurden mindestens 990 Tote im gesamten Mittelmeer registriert, davon 765 allein auf der zentralen Mittelmeerroute, ein Anstieg von über 150 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum 2025.

Diese letzte Zahl verlangt genauere Aufmerksamkeit. Im Januar 2026 kamen weniger als 1.500 Menschen über das Meer in Italien an, verglichen mit rund 3.500 im Januar 2015. Die Todesrate pro Überfahrt ist nicht gesunken. Sie ist gestiegen. Weniger Menschen erreichen Europa. Mehr von ihnen sterben.

Doch selbst all das ist ein unvollständiges Bild. Die Zahlen oben zählen nur jene, die auf See sterben, auf dem Weg nach Norden. Sie zählen nicht jene, die bei gewaltsamen Abfangaktionen der sog. libyschen Küstenwache sterben. Sie zählen nicht jene, die in libyschen Lagern sterben.

Allein für 2024 registrierte die IOM über 1.000 tote und vermisste Migrant:innen in Libyen. Im selben Jahr wurden in Libyen mehr als 100 Leichen aus Massengräbern exhumiert. Ein Bericht des UN-Menschenrechtsbüros von 2026, der die Jahre 2024 und 2025 abdeckt, dokumentiert, wie Migrant:innen routinemäßig Sklaverei, Folter, Zwangsarbeit, Zwangsprostitution und anderen Formen sexueller Gewalt ausgesetzt wurden, unter Bedingungen, die als „Ausbeutungsmodell, das zum ‚business as usual' geworden ist – eine brutale und normalisierte Realität" beschrieben werden.

Zwischen Januar 2018 und September 2025 wurden mindestens 145.437 Menschen auf See abgefangen und gewaltsam nach Libyen zurückgebracht. Die Zahl der in libyschen Lagern festgehaltenen Migrant:innen stieg von 725.304 im Jahr 2024 auf 867.055 im Jahr 2025. Die Abfangaktionen setzen sich 2026 fort: 507 in einer einzigen Februarwoche, 190 Ende März, 708 Anfang April.

Was danach mit ihnen geschah, ist nach offizieller Darstellung weitgehend unerfasst. Was wir wissen, wissen wir durch die unermüdliche und oft selbstgefährdende Arbeit derjenigen, die es durchlebt haben: Überlebende, die weiter Zeugnis ablegen, dokumentieren und unter großem persönlichem Risiko aussagen. Organisationen wie Refugees in Libya sind unverzichtbar für jedes Verständnis des Ausmaßes an Leid und Unrecht, das die offiziellen Statistiken nicht erfassen können – oder wollen.

Die sinkende Zahl der Ankünfte in Europa ist kein Beleg dafür, dass weniger Menschen sterben. Sie ist ein Beleg dafür, dass das System aus Abfangen, Internieren und Verschwindenlassen effektiver geworden ist, und tödlicher, während es für die in europäischen Debatten zitierten Statistiken weitgehend unsichtbar bleibt.


Dokumentierte Tote und Vermisste der Atlantikroute / Westafrika zu den Kanarischen Inseln (Ca-minando Fronteras)

  • 2019: 365
  • 2020: 1851
  • 2021: 4016
  • 2022: 1784
  • 2023: 6007
  • 2024: 9757
  • 2025: 11906

Die Atlantikroute ist besonders schlecht dokumentiert. Boote kentern oder treiben ab, ohne Überlebende, oft weit entfernt von jeder Küste. Caminando Fronteras, die ihre Daten über Aussagen von Überlebenden und Community-Netzwerke in den Herkunftsländern erhebt, verzeichnet durchgehend Todeszahlen, die um ein Vielfaches über denen der IOM liegen. Die Lücke zwischen beiden Zahlen ist kein statistischer Streit, sie ist das Maß dessen, was unsichtbar bleibt.


Die Sahara-Route

Schätzungen zufolge durchqueren mehr Menschen die Sahara als das Mittelmeer, und es wird angenommen, dass in der Wüste doppelt so viele Menschen sterben wie auf See. Zwischen Januar 2020 und Mai 2024 wurden 1.180 Tote in der Sahara dokumentiert, während im selben Zeitraum etwa 7.115 Menschen im Mittelmeer starben oder verschwanden. Wegen der Abgelegenheit der Routen und der fehlenden Medienberichterstattung ist davon auszugehen, dass die tatsächlichen Zahlen die Realität massiv unterzeichnen.

Niger – Europas Grenze in der Sahara


Die EU-Strategie der Grenzexternalisierung endete nicht am Mittelmeer. 2015, auf dem Höhepunkt dessen, was europäische Politiker:innen „Migrationskrise" nannten, wurde Niger, eines der ärmsten Länder der Welt und stark abhängig von internationaler Hilfe, dazu gedrängt, das Gesetz 2015-36 zu verabschieden. Es verbot Fahrern, Migrant:innen von Agadez aus nordwärts Richtung Libyen und Algerien zu transportieren.

Vor der Durchsetzung des Gesetzes war Migration ein selbstverständlicher Teil des Alltags in der Region Agadez. Transport, Unterkunft, Verpflegung: Ganze lokale Ökonomien waren um die Bewegung von Menschen durch diesen jahrhundertealten Knotenpunkt der Sahara gewachsen. Migration war kein kriminelles Geschäft, sie war eine Überlebensstrategie, unverzichtbar in einer Region mit wenigen wirtschaftlichen Alternativen. Die Fahrer waren keine Schmuggler. Sie waren ein normaler Teil einer normalen Ökonomie.

Das Gesetz zerstörte das. Fahrern wurden die Fahrzeuge beschlagnahmt, sie wurden wegen Menschenhandels angeklagt. Versprochene Unterstützungsalternativen blieben aus. Große Teile der Bevölkerung wurden über Nacht arbeitslos. Und das Sterben begann. Gezwungen auf inoffizielle, abgelegene Wüstenrouten, um Polizeikontrollen zu umgehen, zahlten die Menschen mehr, vertrauten weniger und starben in größerer Zahl. Die Todesfälle in der Sahara versechsfachten sich zwischen 2015 und 2017.

Kein Wasser, kein Wasser. Mein Körper war tot, aber er lief weiter. Ich konnte die Seelen meiner Vorfahren sehen, wie Engel. Ich war wirklich fast tot. In Niger bezahlst du für deinen Tod."
Aussagen von Überlebenden dokumentieren

Die EU hat das finanziert. Über den Emergency Trust Fund for Africa erhielt Niger 247,5 Millionen Euro, die größte Zuweisung an ein einzelnes Land. Die Migrationsplattform der EU in Niger wurde vom Leiter der EU-Delegation geführt. Zivilgesellschaftliche Organisationen merkten wiederholt an, dass die eingeladenen Teilnehmer:innen nach ihrer Nähe zu europäischen Geberinteressen ausgewählt wurden.

Die IOM betrieb unterdessen Transitzentren, in denen aus der Wüste geretteten Migrant:innen die „freiwillige Rückkehr" angeboten wurde, wobei vieles darauf hindeutet, dass die Rückkehr als einzige Option präsentiert wurde und die zugesagte Unterstützung in den Herkunftsländern selten ankam.

Der Fall Niger, so schreibt das mEUterei-Kollektiv, „zeigt deutlich, wie der Globale Norden bis heute die während der Kolonialisierung geschaffenen Abhängigkeiten ausnutzt, um unter dem Deckmantel der ‚Entwicklungszusammenarbeit' eigene wirtschaftliche Interessen zu verfolgen und zugleich Migration um jeden Preis abzuwehren."

Im November 2023 hob Nigers Militärjunta das Gesetz auf. Die EU zeigte sich alarmiert. Die Bewohner:innen von Agadez feierten


Quelle

mEUterei Autor:innenkollektiv: "Borders of Violence — The EU's Undeclared War on Refugees", Assoziation A, 2022, pp. 149–156 — Chapter: "Niger – Europe's Deadly Frontiers in the Sahara" assoziation-a.de/dokumente/mEUterei_Borders_of_Violence.pdf


UNITED List of Refugee Deaths

Das UNITED network dokumentiert die tödlichen Folgen der Festung Europa seit 1993, zwei Jahrzehnte bevor die IOM mit systematischer Erfassung begann. Zwischen 1993 und 2025 verzeichnet die Liste über 66.519 Tote, die auf Grenzmilitarisierung, Asylgesetze, Internierungspolitik und Abschiebungen zurückgehen: nicht nur Ertrunkene, sondern auch Menschen, die versteckt in Lastwagen erstickten, die in Abschiebehaft starben, die sich nach Jahren im Asylverfahren das Leben nahmen.

Die Liste macht eines klar: Das Sterben begann nicht 2014. Es hat eine dreißigjährige Geschichte – und eine politische Ursache.


Quellen

IOM Missing Migrants Project

https://www.refugeesinlibya.org

Mediterranean migrant deaths mounting towards 1,000 in 2026
–The International Organization for Migration laments one of the deadliest starts to a year since record keeping began.

Zens & Sigman (2026)
– Probabilistic Estimation of Hidden Migrant Fatalities Along the Central Mediterranean Route, arXiv:2603.19986

https://caminandofronteras.org/en/monitoreo/monitoring-the-right-to-life-2025/

IOM Germany, 2026

SOS Méditerranée, June 2025: "No Money, No Freedom: Torture and Extortion of Migrants in Libya"

UN OHCHR / UNSMIL, Business as Usual: Human Rights Violations and Abuses against Migrants, Asylum-Seekers, and Refugees in Libya

Glossary