Iuventa

How to get away with organized crime

Diese Erzählung kennt ihr: skrupellose Schleuser, die schutzbedürftige Menschen ausbeuten, kriminelle Netzwerke, die Europas Grenzen fluten und die NGOs als ihr „Taxiservice" übers Meer.

Hier ist die Wahrheit: Es gibt organisierte Kriminalität im Mittelmeer. Aber die Verantwortlichen tragen Anzüge und Uniformen, keine Schwimmwesten.

2016 fuhren wir mit einem Schiff namens Iuventa aufs Meer, um Menschen zu unterstützen, die an Europas Grenzen zurückgelassen wurden. In einem Jahr halfen wir mehr als 23.000 Menschen, die Überfahrt nach Europa zu überleben. Damit griffen wir in ein System ein, das auf Abschreckung, Gleichgültigkeit und Angst aufgebaut war.

Die Reaktion kam prompt. Die Behörden beschlagnahmten unser Schiff, beschuldigten uns der Zusammenarbeit mit Schleppern und zwangen uns in einen jahrelangen Rechtsstreit, der weniger darauf ausgelegt war, Schuld zu beweisen, als Widerstand zu erschöpfen.

Am Ende wurden alle Angeklagten freigesprochen. Das Verfahren brach zusammen. Doch der eigentliche Skandal war nie die Strafverfolgung selbst.

Während Rettungsteams vor Gericht standen, ertranken im zentralen Mittelmeer weiterhin Tausende von Menschen. Europäische Regierungen vertieften ihre Zusammenarbeit mit gewalttätigen Milizen und ihren Haftlagern in Libyen. Für die Verantwortlichen blieb das alles ohne Konsequenzen.

Dies ist die Geschichte der Iuventa: die Rettungsmission, die politische Kampagne, die sie verhindern wollte, und ein weitreichendes System, das Solidarität kriminalisiert, um Europas Grenzregime zu schützen.

Image of several hands holding each other on the shoulder

Wie alles begann

2015 flohen mehr Menschen als je zuvor vor Krieg, Repression und wirtschaftlichem Kollaps und erreichten Europas Grenzen. Europäische Spitzenpolitiker:innen versicherten: die Situation sei „beherrschbar". "Wir schaffen das." In der Praxis hieß das: sichere Routen schließen und Migrationskontrolle jenseits der europäischen Grenzen auslagern.

Der Prozess

Nach der Beschlagnahmung der Iuventa wurde der Öffentlichkeit erklärt, sie sei die "smoking gun". Der Beweis dafür, dass NGOs einen Fährdienst für Schleuser betrieben. Dann verschwanden die Schlagzeilen. Was folgte, war eine der längsten, kostspieligsten und juristisch kompliziertesten Voruntersuchungen in der Geschichte des italienischen Rechtssystems.

How to get away with organised crime

Die Iuventa-Crew kam frei. Aber der Schaden war angerichtet. Allein zwischen der Beschlagnahme der Iuventa 2017 und dem Ende des Verfahrens 2024 starben mehr als 10.000 Menschen im Zentralen Mittelmeer. Die Iuventa selbst ließ man im Hafen von Trapani verrotten. Zur Rechenschaft gezogen wurde niemand: nicht die Grenzschützer und Küstenwächter, die Menschen auf See zurückließen oder in libysche Folterlager zurückzwangen, nicht die Politiker:innen, die die Strafverfolgung vorantrieben, nicht die Beamt:innen, die sie betrieben.

23.000 Leben - The Netflix Movie

Still of the netflix movie - people in lifejackets are getting rescued from a small boat.

Meist gestellte Fragen

Zum Film 23.000 Leben

Ist „23.000 Leben" eine wahre Geschichte?

Ja. Der Film erzählt die Geschichte von Jugend Rettet, der Iuventa und des Verfahrens gegen ihre Crew. Ein Film dieser Form kann nur eine künstlerische Adaption der Realität sein: Jede Figur im Film setzt sich aus mehreren realen Menschen der Geschichte von Iuventa – Jugend Rettet zusammen, Handlungen wurden verdichtet, zeitliche Abläufe teilweise umgestellt.

Hier auf der Webseite erfährst du, wie die Dinge in Wirklichkeit gewesen sind, und alles, was der Film nicht zeigt. Benutze die Suchfunktion, um nach Schlagwörtern zu suchen, nutze das umfangreiche Glossar oder geh der Geschichte der Iuventa chronologisch nach.

Wofür steht der Titel 23.000 Leben?
Im Laufe von 16 Missionen unterstützte die Iuventa-Crew 175 Boote und war an der Rettung von mehr als 23.000 Menschen im zentralen Mittelmeer beteiligt. Als „first responder" traf die Iuventa oft als erstes Schiff am Einsatzort ein: Crew-Mitglieder verteilten Schwimmwesten, leisteten medizinische Ersthilfe und stabilisierten überfüllte Boote, bis weitere Hilfe eintraf. Mehr als 9.000 Menschen wurden an Bord der Iuventa selbst aufgenommen.
Wie eng waren die Menschen von Iuventa – Jugend Rettet in die Produktion des Films eingebunden?
Vereinsmitglieder von Jugend Rettet, Crew-Mitglieder der Iuventa, Beschuldigte im Strafverfahren, ihre Anwält:innen und Weggefährt:innen sowie Menschen, die von der Iuventa gerettet wurden, arbeiteten als Berater:innen an dem Film mit. Sie nahmen Einfluss auf Drehbuch, Szenengestaltung und Kulissen. Iuventa-Crew-Mitglieder trainierten die Filmcrew und begleiteten sie an jedem Drehtag am Set.
Profitiert die Iuventa-Crew oder die zivile Seenotrettung finanziell vom Film?

Nein. Weder die Iuventa-Crew noch Jugend Rettet noch andere Organisationen der zivilen Seenotrettung sind an den Einnahmen des Films beteiligt. Der Film gibt der Geschichte Sichtbarkeit, aber kein Geld.

Was er erzählt, hat uns dagegen real Geld gekostet: Mehr als 800.000 Euro mussten wir für das Verfahren und die Verteidigung der zivilen Flotte aufbringen. Der Zivilprozess um die zerstörte Iuventa läuft noch und hat uns schon jetzt viel Geld gekostet. Wenn dich der Film bewegt hat, gibt es einen direkten Weg, daraus mehr zu machen als Aufmerksamkeit: Spende!

Zu den Strafrechtlichen Ermittlungen und dem Prozess

Was wurde der Crew vorgeworfen?
Beihilfe zur unerlaubten Einreise. Die Staatsanwaltschaft Trapani behauptete, die Crew habe bei mehreren Rettungseinsätzen 2016 und 2017 mit Schleppern kooperiert. Im Raum standen bis zu 20 Jahre Haft. Grundlage der Anklage waren die Aussagen von Mitarbeiter:innen einer privaten Sicherheitsfirma, ein verdeckter Ermittler und eine der umfangreichsten Überwachungsoperationen, die je gegen eine Organisation der zivilen Seenotrettung gerichtet wurden. Es folgte eine der längsten, kostspieligsten und juristisch kompliziertesten Voruntersuchungen in der Geschichte des italienischen Rechtssystems.
Wer waren die Beschuldigten?
Ursprünglich richteten sich die Ermittlungen gegen zehn Crew-Mitglieder der Iuventa. In das Vorverfahren gingen schließlich 21 Personen sowie drei Organisationen: Ärzte ohne Grenzen (MSF), Save the Children und die Reederei Vroon. Vier der Beschuldigten gehörten zur Iuventa-Crew: zwei Kapitäne und zwei Einsatzleiter:innen.
Wurde die Iuventa wirklich nach Lampedusa beordert, um dort verwanzt zu werden?

Ja. Am 4. Mai 2017, einem der einsatzreichsten Tage auf See mit mehr als 3.500 Menschen auf dem Wasser, wies die italienische Rettungsleitstelle MRCC die Iuventa an, fünf gerettete Minderjährige nicht wie üblich auf ein größeres Schiff zu übergeben, sondern sie selbst nach Lampedusa zu bringen, eine Tagesreise aus der Rettungszone heraus. Die Crew protestierte, das MRCC drohte mit Konsequenzen.

Der wahre Grund der Anweisung zeigte sich erst Monate später: Während das Schiff im Hafen lag und die Crew verhört wurde, gingen Polizeiermittler an Bord und versteckten eine Wanze auf der Brücke. Die Aufnahmen dieser Wanze bilden zusammen mit den abgehörten Telefonen einen Großteil der Ermittlungsakte.

Als die Iuventa 48 Stunden später in die Rettungszone zurückkehrte, waren dort nach Berichten der NGO-Schiffe vor Ort mindestens fünf Schlauchboote in der Nacht verschwunden: mindestens 500 Menschen, die starben, weil ein Rettungsschiff für eine Abhöraktion abgezogen wurde.

Wurden wirklich Journalist:innen und Anwält:innen abgehört?
Ja. Schiffe und Büros wurden verwanzt, mehr als 40 Telefone abgehört, Computer der Crew geklont, Bewegungen verfolgt. Abhörmaßnahmen und Spähsoftware richteten sich nicht nur gegen die Beschuldigten, sondern auch gegen Journalist:innen, Anwält:innen, Ärzt:innen und Priester, eigentlich besonders geschützte Kommunikation. Die Ermittlung weitete sich zu einem Bürgerrechtsskandal von außergewöhnlichem Ausmaß aus, der Presseverbände und die italienische Justiz beschäftigte. Konsequenzen für die Verantwortlichen: keine.
Wie ging das Verfahren aus?
Am 19. April 2024 endete das Vorverfahren, ohne dass es je zu einem Hauptprozess kam: Das Gericht in Trapani stellte fest, dass keine der Handlungen der Iuventa-Crew eine Straftat darstellte. Mehr noch: Es stellte fest, dass jede Handlung, die dazu beiträgt, Menschen die Flucht aus libyschen Lagern nach Italien zu ermöglichen, notwendig ist und daher gerechtfertigt und nicht strafbar sein kann. Nach fünf Jahren Ermittlungen, zwei Jahren Vorverhandlung und Millionen an Steuergeldern blieb von den Vorwürfen nichts übrig.
Was ist aus denen geworden, die für das Verfahren verantwortlich waren?
Nichts. Weder die selbsternannten Spione, deren Aussagen das Verfahren auslösten, noch der verdeckte Ermittler, dessen Aussagen irreführend, wenn nicht sogar manipuliert waren, noch die verantwortlichen Staatsanwälte, die ohne tatsächliche Prüfung der Vorwürfe weitermachten, mussten sich je verantworten. Einige machten Karriere. Das ist kein Versehen, sondern System: Wer Seenotrettung kriminalisiert, hat in Europa nichts zu befürchten.
War das Verfahren politisch motiviert?
Die Ermittlungsakten sprechen für sich: Die Beschlagnahmung der Iuventa fiel in eine Zeit, in der die italienische Regierung zivile Seenotrettung gezielt aus dem Mittelmeer drängen wollte. Ein Verfahren ohne belastbare Beweise, das sieben Jahre am Leben gehalten wurde, erfüllte seinen Zweck auch ohne Verurteilung: Es band Kräfte, schüchterte ein und lieferte das Narrativ von den kriminellen NGOs.
Was bedeutet der Ausgang für andere kriminalisierte Menschen?
Der Iuventa-Fall ist der bekannteste, aber nicht der einzige. In Italien, Griechenland und anderswo stehen weiterhin Menschen vor Gericht, weil sie gerettet haben oder weil sie selbst geflüchtet sind und ein Boot gesteuert haben. Für sie gibt es keine Netflix-Filme und kaum Öffentlichkeit. Deshalb unterstützen wir kriminalisierte Menschen in Bewegung, etwa die El Hiblu 3, und arbeiten mit Kampagnen wie De:criminalize zusammen.
Kann so etwas wieder passieren?
Es passiert bereits. Die rechtlichen Instrumente, mit denen die Iuventa-Crew verfolgt wurde, existieren weiter, und sie werden angewendet: gegen Rettungsorganisationen, deren Schiffe festgesetzt werden, und vor allem gegen Menschen in Bewegung selbst, die als „Schlepper" angeklagt werden, weil sie ein Boot gesteuert haben. Solange Solidarität als Verbrechen behandelt wird, ist der Freispruch der Iuventa-Crew kein Schlusspunkt, sondern ein Zwischenstand.

Über die Iuventa

Wo ist die Iuventa heute?
Sie liegt in einer Werft im sizilianischen Trapani. Nach der Beschlagnahmung am 2. August 2017 wurde sie am 4. August nach Trapani überführt. Dort liegt sie seitdem.
Wieso ist das Schiff heute zerstört?
Nach der Beschlagnahmung lag die Iuventa zunächst bewacht hinter Absperrungen. Dann wurde sie in den offenen und unbewachten Teil des Hafenbeckens verlegt und dort sich selbst überlassen, ungewartet und den Elementen ausgesetzt. Es kam zu Einbrüchen, Ausrüstung wurde gestohlen, das Innere geplündert. Unsere Anwält:innen forderten wiederholt schriftlich technische Inspektionen und grundlegende Wartungsarbeiten, um irreversible Schäden zu verhindern, ohne Erfolg. Im Oktober 2022 dokumentierte eine Inspektion den katastrophalen Zustand und bestätigte, dass sie zu sinken drohte. Im Dezember 2022 ordnete das Gericht daraufhin an, sie ins Trockendock zu bringen und instand zu setzen. Umgesetzt wurde davon nur die Sicherung: Die Iuventa wurde an Land geholt, damit sie nicht sinkt. Die Instandsetzung erfolgte nie: Nach der Verfahrenseinstellung nahm der Richter seine Anordnung zurück, da er „nicht zuständig" sei. Die Iuventa wurde uns als Wrack zurückgegeben. Der entstandene Schaden und der Wertverlust belaufen sich unseren Berechnungen nach auf über 200.000 Euro, das Schiff erreicht heute nicht einmal mehr seinen Schrottwert.
Wer war für die beschlagnahmte Iuventa verantwortlich?
Der Staat, der sie beschlagnahmt hat. Das italienische Strafprozessrecht regelt das ausdrücklich: Beschlagnahmte Sachen werden einem Verwahrer anvertraut, der verpflichtet ist, sie zu erhalten. In unserem Fall war die Hafenbehörde von Trapani während der Beschlagnahmung für die Iuventa verantwortlich und hätte für eine Instandhaltung und eine wirksame Bewachung sorgen müssen.
Wer trägt die Kosten für die Zerstörung der Iuventa?
Zurzeit wir: Der Verein Iuventa – Jugend Rettet e.V. trägt die Kosten für Liegegebühren, Untersuchungen, das Feststellungsverfahren und die laufende Zivilklage. Der Richter in unserem Verfahren erklärte sich für die Frage, wer für die Reparatur aufkommt, für nicht zuständig und verwies uns auf den Zivilrechtsweg, den wir nun beschritten haben. Der Staat, der das Schiff zerstören ließ, zahlt bislang: nichts.
Wird die Iuventa wieder Menschen retten?
Wir haben nicht die Mittel, um das Schiff wieder einsatzfähig zu machen; die Kosten einer Instandsetzung würden ihren geschätzten Marktwert übersteigen. Was aus ihr wird, ist auch eine politische Frage: Die Iuventa ist längst mehr als ein Schiff. Sie ist Beweisstück, Mahnmal und Symbol dafür, was europäische Staaten bereit sind zu tun, um Rettung zu verhindern. An Ideen für ihre Zukunft arbeiten wir.
Warum klagt ihr jetzt selbst?
Weder für das Strafverfahren noch für die Zerstörung des Schiffes übernimmt der italienische Staat politisch oder finanziell Verantwortung für sein Handeln. Die fast eine Million Euro, die wir bisher ausgeben mussten, sind Geld, das uns zehntausende Spender:innen für den Kampf gegen das Sterben im Mittelmeer anvertraut haben. Wir wollen zumindest einen Teil davon wieder seinem eigentlichen Zweck zuführen: der Unterstützung von Menschen auf der Flucht. Deshalb verklagen wir das italienische Ministerium für Infrastruktur und Verkehr auf Entschädigung. Das Verfahren läuft.

Zu Iuventa - Jugend rettet e.V.

Gibt es Iuventa - Jugend Rettet noch?
Ja. Der Verein besteht weiter und die meisten von uns sind weiter aktiv: in der Seenotrettung bei anderen Organisationen, in der Unterstützung kriminalisierter Menschen, in der politischen Arbeit und auf dieser Website. Die Beschlagnahmung hat unser Schiff gestoppt, nicht unsere Arbeit.
Wie finanziert ihr euch und wo geht das Geld hin?
Iuventa – Jugend Rettet e.V. wurde am 3. Oktober 2015 gegründet und ist ein in Deutschland als gemeinnützig anerkannter Verein. Unsere Arbeit finanziert sich ausschließlich aus privaten Spenden. Solange die Iuventa im Einsatz war, floss der Großteil der Spenden in den Betrieb des Schiffes und die Missionen. Seit der Beschlagnahmung und dem Verfahren gegen unsere Crew brauchen wir das Geld für die Verteidigung, den laufenden Zivilprozess, Kampagnen, Pressearbeit und die Unterstützung anderer kriminalisierter Menschen.
Wie kann ich unterstützen?
Spenden hilft konkret: für den Zivilprozess um die Iuventa, für die Unterstützung anderer kriminalisierter Menschen und für unsere politische Arbeit. Genauso wichtig: Redet über den Fall. Organisiert Filmvorführungen, nutzt diese Website, teilt die Geschichte. Die Kriminalisierung lebt davon, dass niemand hinschaut.

Zur Seenotrettung

Warum rettet ihr Menschen im Mittelmeer?

Weil Europa es nicht tut. Seit 2014 sind nach offiziellen Zahlen über 35.000 Menschen bei der Überfahrt über das Mittelmeer gestorben.¹ Da sichere Flucht- und Migrationswege fehlen, sind Menschen gezwungen, in seeuntauglichen Booten überzusetzen, um Schutz zu suchen und ihr Recht auf ein Asylverfahren wahrzunehmen. Statt Seenotrettung staatlich zu organisieren, schottet sich die Europäische Union ab und lässt Menschen ertrinken. Zivile Seenotrettung entstand als Antwort auf dieses willentliche Versagen, Jugend Rettet gehörte zu den ersten Gründungen. Wir fordern sichere und legale Einreisewege und Bewegungsfreiheit für alle. Kein Mensch darf beim Versuch, Grenzen zu überqueren, sterben.

¹ IOM Missing Migrants Project, https://missingmigrants.iom.int/region/mediterranean, zuletzt abgerufen am 10.07.2026

Wie viele Menschen sind weltweit auf der Flucht?

Rund 117 Millionen. Mehr als die Hälfte von ihnen, 73,5 Millionen, sucht als Binnenvertriebene Zuflucht im eigenen Land.² Nur ein Bruchteil findet den Weg nach Europa: Seit 2015 sind nach offiziellen Zahlen knapp 2,8 Millionen Menschen über den Seeweg angekommen,³ bei rund 450 Millionen Einwohner:innen der EU ein kleiner Prozentsatz. Wie viele Menschen die Überfahrt tatsächlich antreten und wie viele dabei sterben, ist statistisch nicht vollständig erfasst.

² UNHCR Refugee Statistics, https://www.unhcr.org/refugee-statistics/, zuletzt abgerufen am 27.11.2025. ³ UNHCR Operational Data Portal, https://data2.unhcr.org/en/situations/mediterranean, zuletzt abgerufen am 27.11.2025.

Wie viele zivile Rettungsschiffe sind im Einsatz und wo genau helfen sie?

2026 besteht die zivile Flotte aus 14 Rettungsschiffen, 6 Segelbooten und 5 Flugzeugen¹ . Sie operieren in internationalen Gewässern nördlich von Libyen.

Die Hoheitsgewässer eines Staates reichen 12 Seemeilen vor die Küste, dahinter liegt die sogenannte Anschlusszone bis 24 Seemeilen, in der der Anrainerstaat begrenzte Rechte hat, etwa zur Strafverfolgung. Die Rettungen der Iuventa fanden fast ausschließlich außerhalb der libyschen Gewässer statt.

¹ Civil fleet actors in 2026, Civil MRCC, https://civilmrcc.eu/map/civil-fleet-actors-in-2026/

Steigen Menschen nur in die Boote, weil sie auf Rettung durch NGO-Schiffe hoffen?

Nein. Die Frage spielt auf das mehrfach widerlegte Scheinargument des sogenannten Pull-Faktors an. Studien, unter anderem der Oxford University, des Migration Policy Centre und der IOM, belegen seit Jahren: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Präsenz von NGO-Schiffen und der Zahl der ablegenden Boote.⁴ Menschen riskieren die Überfahrt, weil sie keine andere Wahl haben. Sie fliehen vor Krieg, Verfolgung, Armut und den Zuständen in libyschen Lagern, nicht wegen eines Schiffes am Horizont. Mehr Schiffe bedeuten nicht mehr Boote. Weniger Schiffe bedeuten mehr Tote. Die Forderung, Menschen zur Abschreckung ertrinken zu lassen, ist menschenverachtend.

⁴ Cusumano/Villa 2019: Sea rescue NGOs: a pull factor of irregular migration?, https://cadmus.eui.eu/bitstream/handle/1814/65024/PB_2019_22_MPC.pdf; Cusumano/Villa 2020: Over troubled waters, https://publications.iom.int/books/migration-west-and-north-africa-and-across-mediterranean-chapter-16; Steinhilper/Gruijters 2017: Border Deaths in the Mediterranean, https://www.law.ox.ac.uk/research-subject-groups/centre-criminology/centreborder-criminologies/blog/2017/03/institutional.

Unterstützt ihr nicht das Geschäftsmodell der Schlepper:innen?

Nein, wir arbeiten an seiner Abschaffung. Gäbe es sichere und legale Wege, würden weder wir noch die Dienste der Schlepper:innen gebraucht werden. Wer ernsthaft sogenannte Schlepperbanden bekämpfen will, muss sich für sichere Fluchtwege einsetzen.

Warum nehmen Menschen auf der Flucht nicht Flugzeug oder Fähre?

Weil sie nicht dürfen. Ohne Visum oder Aufenthaltserlaubnis kommt niemand legal an Bord. Asyl kann nur in Europa beantragt werden, nicht in Botschaften oder Konsulaten. Resettlement-Plätze decken einen Bruchteil des tatsächlichen Bedarfs, und Visa sind an Voraussetzungen geknüpft, die Menschen in akuter Not nicht erfüllen können, zumal Behördenstrukturen in Kriegsgebieten oft nicht mehr funktionieren. Genau deshalb braucht es sichere und legale Einreisewege für alle, nicht nur für die, die zufällig mit dem richtigen Pass geboren wurden.

Warum bringt ihr Menschen nicht nach Libyen zurück?

Libyen ist unter keinen Umständen ein sicherer Ort für Flüchtende. Die Zustände in libyschen Internierungslagern wurden unzählige Male dokumentiert, sowohl von der UN als auch von diversen Menschenrechtsorganisationen.⁵ In diesen Gefangenenlagern drohen den Menschen schwerste Menschenrechtsverletzungen wie Folter, Missbrauch, sexualisierte Gewalt und Freiheitsentzug.

Das deutsche Auswärtige Amt beschrieb die Zustände in einem internen Bericht 2017 als „KZ-ähnlich". Daran hat sich nichts geändert! Selbst das UNHCR stellt seit Jahren klar, dass Libyen kein sicherer Ort für Gerettete ist, und das Gericht in Trapani bestätigte in unserem eigenen Verfahren, dass die Flucht aus den Lagern die einzige Möglichkeit ist, sich vor Folter, willkürlicher Haft und sexueller Gewalt zu schützen. Die UN Fact-Finding Mission on Libya kam 2023 in ihrem Abschlussbericht zu dem Schluss, dass an Migrant:innen in libyschen Lagern Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen werden.

Das internationale Seerecht schreibt vor, dass aus Seenot gerettete Menschen an einen sicheren Ort gebracht werden müssen. Dies bedeutet, dass die Grundversorgung der Menschen sowie der Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung und Schutz vor Verfolgung sichergestellt sein müssen.⁶ Auch verbietet die Genfer Flüchtlingskonvention das Zurückführen von Menschen in ein Land, in dem das Leben und die Freiheit der Person gefährdet sind.⁷ Der Grundsatz der Nichtzurückweisung ist auch in Art. 3 der UN-Antifolterkonvention (CAT) sowie in Art. 19 Abs. 2 der EU-Grundrechtecharta verankert.

Wer Menschen nach Libyen zurückführt, bricht internationales Recht. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat bereits 2012 im sogenannten „Hirsi-Jamaa-Urteil" Italien wegen der Rückführung Flüchtender nach Libyen verurteilt.⁸ Genau deshalb finanziert die EU die sog. libysche Küstenwache: damit andere tun, was europäische Schiffe nicht tun dürfen. Die UN Fact-Finding Mission hat auch dazu ein klares Urteil gefällt: Die EU-Unterstützung für jene, die Menschen abfangen und einsperren, leistet Beihilfe zu diesen Verbrechen.

⁵ Amnesty International: 'Between Life and Death': Refugees and Migrants Trapped in Libya's Cycle of Abuse, September 2020, https://www.amnesty.org/en/documents/mde19/3084/2020/en/; UNHCR Position on the Designations of Libya as a Safe Third Country and as a Place of Safety, September 2020, https://www.refworld.org/policy/countrypos/unhcr/2020/123326; UN Independent Fact-Finding Mission on Libya, Abschlussbericht (A/HRC/52/83), März 2023, https://www.ohchr.org/en/press-releases/2023/03/libya-urgent-action-needed-remedy-deteriorating-human-rights-situation-un (alle zuletzt abgerufen am 17.07.2026).
⁶ SAR-Konvention von 1979, Annex, Chapter 1, 1.3.2.
⁷ Artikel 33, Absatz 1, GFK 1951.
http://hudoc.echr.coe.int/eng?i=001-109231 (zuletzt abgerufen am 17.07.2026).

Ist Seenotrettung überhaupt legal?

Sie ist mehr als das: Sie ist Pflicht. Das internationale Seerecht verpflichtet jedes Schiff, Menschen in Seenot zu helfen. Wer nicht rettet, macht sich strafbar, nicht umgekehrt. Dass ausgerechnet die Retter:innen vor Gericht landeten und nicht diejenigen, die das Sterben verwalten, ist der Kern dieses Falls.

Glossary