Iuventa
How to get away with organized crime
Diese Erzählung kennt ihr: skrupellose Schleuser, die schutzbedürftige Menschen ausbeuten, kriminelle Netzwerke, die Europas Grenzen fluten und die NGOs als ihr „Taxiservice" übers Meer.
Hier ist die Wahrheit: Es gibt organisierte Kriminalität im Mittelmeer. Aber die Verantwortlichen tragen Anzüge und Uniformen, keine Schwimmwesten.
2016 fuhren wir mit einem Schiff namens Iuventa aufs Meer, um Menschen zu unterstützen, die an Europas Grenzen zurückgelassen wurden. In einem Jahr halfen wir mehr als 23.000 Menschen, die Überfahrt nach Europa zu überleben. Damit griffen wir in ein System ein, das auf Abschreckung, Gleichgültigkeit und Angst aufgebaut war.
Die Reaktion kam prompt. Die Behörden beschlagnahmten unser Schiff, beschuldigten uns der Zusammenarbeit mit Schleppern und zwangen uns in einen jahrelangen Rechtsstreit, der weniger darauf ausgelegt war, Schuld zu beweisen, als Widerstand zu erschöpfen.
Am Ende wurden alle Angeklagten freigesprochen. Das Verfahren brach zusammen. Doch der eigentliche Skandal war nie die Strafverfolgung selbst.
Während Rettungsteams vor Gericht standen, ertranken im zentralen Mittelmeer weiterhin Tausende von Menschen. Europäische Regierungen vertieften ihre Zusammenarbeit mit gewalttätigen Milizen und ihren Haftlagern in Libyen. Für die Verantwortlichen blieb das alles ohne Konsequenzen.
Dies ist die Geschichte der Iuventa: die Rettungsmission, die politische Kampagne, die sie verhindern wollte, und ein weitreichendes System, das Solidarität kriminalisiert, um Europas Grenzregime zu schützen.
Wie alles begann
2015 flohen mehr Menschen als je zuvor vor Krieg, Repression und wirtschaftlichem Kollaps und erreichten Europas Grenzen. Europäische Spitzenpolitiker:innen versicherten: die Situation sei „beherrschbar". "Wir schaffen das." In der Praxis hieß das: sichere Routen schließen und Migrationskontrolle jenseits der europäischen Grenzen auslagern.
Der Prozess
Nach der Beschlagnahmung der Iuventa wurde der Öffentlichkeit erklärt, sie sei die "smoking gun". Der Beweis dafür, dass NGOs einen Fährdienst für Schleuser betrieben. Dann verschwanden die Schlagzeilen. Was folgte, war eine der längsten, kostspieligsten und juristisch kompliziertesten Voruntersuchungen in der Geschichte des italienischen Rechtssystems.
How to get away with organised crime
Die Iuventa-Crew kam frei. Aber der Schaden war angerichtet. Allein zwischen der Beschlagnahme der Iuventa 2017 und dem Ende des Verfahrens 2024 starben mehr als 10.000 Menschen im Zentralen Mittelmeer. Die Iuventa selbst ließ man im Hafen von Trapani verrotten. Zur Rechenschaft gezogen wurde niemand: nicht die Grenzschützer und Küstenwächter, die Menschen auf See zurückließen oder in libysche Folterlager zurückzwangen, nicht die Politiker:innen, die die Strafverfolgung vorantrieben, nicht die Beamt:innen, die sie betrieben.
Meist gestellte Fragen
Zum Film 23.000 Leben
Ist „23.000 Leben" eine wahre Geschichte?
Ja. Der Film erzählt die Geschichte von Jugend Rettet, der Iuventa und des Verfahrens gegen ihre Crew. Ein Film dieser Form kann nur eine künstlerische Adaption der Realität sein: Jede Figur im Film setzt sich aus mehreren realen Menschen der Geschichte von Iuventa – Jugend Rettet zusammen, Handlungen wurden verdichtet, zeitliche Abläufe teilweise umgestellt.
Hier auf der Webseite erfährst du, wie die Dinge in Wirklichkeit gewesen sind, und alles, was der Film nicht zeigt. Benutze die Suchfunktion, um nach Schlagwörtern zu suchen, nutze das umfangreiche Glossar oder geh der Geschichte der Iuventa chronologisch nach.
Wofür steht der Titel 23.000 Leben?
Wie eng waren die Menschen von Iuventa – Jugend Rettet in die Produktion des Films eingebunden?
Profitiert die Iuventa-Crew oder die zivile Seenotrettung finanziell vom Film?
Nein. Weder die Iuventa-Crew noch Jugend Rettet noch andere Organisationen der zivilen Seenotrettung sind an den Einnahmen des Films beteiligt. Der Film gibt der Geschichte Sichtbarkeit, aber kein Geld.
Was er erzählt, hat uns dagegen real Geld gekostet: Mehr als 800.000 Euro mussten wir für das Verfahren und die Verteidigung der zivilen Flotte aufbringen. Der Zivilprozess um die zerstörte Iuventa läuft noch und hat uns schon jetzt viel Geld gekostet. Wenn dich der Film bewegt hat, gibt es einen direkten Weg, daraus mehr zu machen als Aufmerksamkeit: Spende!
Zu den Strafrechtlichen Ermittlungen und dem Prozess
Was wurde der Crew vorgeworfen?
Wer waren die Beschuldigten?
Wurde die Iuventa wirklich nach Lampedusa beordert, um dort verwanzt zu werden?
Ja. Am 4. Mai 2017, einem der einsatzreichsten Tage auf See mit mehr als 3.500 Menschen auf dem Wasser, wies die italienische Rettungsleitstelle MRCC die Iuventa an, fünf gerettete Minderjährige nicht wie üblich auf ein größeres Schiff zu übergeben, sondern sie selbst nach Lampedusa zu bringen, eine Tagesreise aus der Rettungszone heraus. Die Crew protestierte, das MRCC drohte mit Konsequenzen.
Der wahre Grund der Anweisung zeigte sich erst Monate später: Während das Schiff im Hafen lag und die Crew verhört wurde, gingen Polizeiermittler an Bord und versteckten eine Wanze auf der Brücke. Die Aufnahmen dieser Wanze bilden zusammen mit den abgehörten Telefonen einen Großteil der Ermittlungsakte.
Als die Iuventa 48 Stunden später in die Rettungszone zurückkehrte, waren dort nach Berichten der NGO-Schiffe vor Ort mindestens fünf Schlauchboote in der Nacht verschwunden: mindestens 500 Menschen, die starben, weil ein Rettungsschiff für eine Abhöraktion abgezogen wurde.
Wurden wirklich Journalist:innen und Anwält:innen abgehört?
Wie ging das Verfahren aus?
Was ist aus denen geworden, die für das Verfahren verantwortlich waren?
War das Verfahren politisch motiviert?
Was bedeutet der Ausgang für andere kriminalisierte Menschen?
Kann so etwas wieder passieren?
Über die Iuventa
Wo ist die Iuventa heute?
Wieso ist das Schiff heute zerstört?
Wer war für die beschlagnahmte Iuventa verantwortlich?
Wer trägt die Kosten für die Zerstörung der Iuventa?
Wird die Iuventa wieder Menschen retten?
Warum klagt ihr jetzt selbst?
Zu Iuventa - Jugend rettet e.V.
Gibt es Iuventa - Jugend Rettet noch?
Wie finanziert ihr euch und wo geht das Geld hin?
Wie kann ich unterstützen?
Zur Seenotrettung
Warum rettet ihr Menschen im Mittelmeer?
Weil Europa es nicht tut. Seit 2014 sind nach offiziellen Zahlen über 35.000 Menschen bei der Überfahrt über das Mittelmeer gestorben.¹ Da sichere Flucht- und Migrationswege fehlen, sind Menschen gezwungen, in seeuntauglichen Booten überzusetzen, um Schutz zu suchen und ihr Recht auf ein Asylverfahren wahrzunehmen. Statt Seenotrettung staatlich zu organisieren, schottet sich die Europäische Union ab und lässt Menschen ertrinken. Zivile Seenotrettung entstand als Antwort auf dieses willentliche Versagen, Jugend Rettet gehörte zu den ersten Gründungen. Wir fordern sichere und legale Einreisewege und Bewegungsfreiheit für alle. Kein Mensch darf beim Versuch, Grenzen zu überqueren, sterben.
¹ IOM Missing Migrants Project, https://missingmigrants.iom.int/region/mediterranean, zuletzt abgerufen am 10.07.2026
Wie viele Menschen sind weltweit auf der Flucht?
Rund 117 Millionen. Mehr als die Hälfte von ihnen, 73,5 Millionen, sucht als Binnenvertriebene Zuflucht im eigenen Land.² Nur ein Bruchteil findet den Weg nach Europa: Seit 2015 sind nach offiziellen Zahlen knapp 2,8 Millionen Menschen über den Seeweg angekommen,³ bei rund 450 Millionen Einwohner:innen der EU ein kleiner Prozentsatz. Wie viele Menschen die Überfahrt tatsächlich antreten und wie viele dabei sterben, ist statistisch nicht vollständig erfasst.
² UNHCR Refugee Statistics, https://www.unhcr.org/refugee-statistics/, zuletzt abgerufen am 27.11.2025. ³ UNHCR Operational Data Portal, https://data2.unhcr.org/en/situations/mediterranean, zuletzt abgerufen am 27.11.2025.
Wie viele zivile Rettungsschiffe sind im Einsatz und wo genau helfen sie?
2026 besteht die zivile Flotte aus 14 Rettungsschiffen, 6 Segelbooten und 5 Flugzeugen¹ . Sie operieren in internationalen Gewässern nördlich von Libyen.
Die Hoheitsgewässer eines Staates reichen 12 Seemeilen vor die Küste, dahinter liegt die sogenannte Anschlusszone bis 24 Seemeilen, in der der Anrainerstaat begrenzte Rechte hat, etwa zur Strafverfolgung. Die Rettungen der Iuventa fanden fast ausschließlich außerhalb der libyschen Gewässer statt.
¹ Civil fleet actors in 2026, Civil MRCC, https://civilmrcc.eu/map/civil-fleet-actors-in-2026/
Steigen Menschen nur in die Boote, weil sie auf Rettung durch NGO-Schiffe hoffen?
Nein. Die Frage spielt auf das mehrfach widerlegte Scheinargument des sogenannten Pull-Faktors an. Studien, unter anderem der Oxford University, des Migration Policy Centre und der IOM, belegen seit Jahren: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Präsenz von NGO-Schiffen und der Zahl der ablegenden Boote.⁴ Menschen riskieren die Überfahrt, weil sie keine andere Wahl haben. Sie fliehen vor Krieg, Verfolgung, Armut und den Zuständen in libyschen Lagern, nicht wegen eines Schiffes am Horizont. Mehr Schiffe bedeuten nicht mehr Boote. Weniger Schiffe bedeuten mehr Tote. Die Forderung, Menschen zur Abschreckung ertrinken zu lassen, ist menschenverachtend.
⁴ Cusumano/Villa 2019: Sea rescue NGOs: a pull factor of irregular migration?, https://cadmus.eui.eu/bitstream/handle/1814/65024/PB_2019_22_MPC.pdf; Cusumano/Villa 2020: Over troubled waters, https://publications.iom.int/books/migration-west-and-north-africa-and-across-mediterranean-chapter-16; Steinhilper/Gruijters 2017: Border Deaths in the Mediterranean, https://www.law.ox.ac.uk/research-subject-groups/centre-criminology/centreborder-criminologies/blog/2017/03/institutional.
Unterstützt ihr nicht das Geschäftsmodell der Schlepper:innen?
Nein, wir arbeiten an seiner Abschaffung. Gäbe es sichere und legale Wege, würden weder wir noch die Dienste der Schlepper:innen gebraucht werden. Wer ernsthaft sogenannte Schlepperbanden bekämpfen will, muss sich für sichere Fluchtwege einsetzen.
Warum nehmen Menschen auf der Flucht nicht Flugzeug oder Fähre?
Weil sie nicht dürfen. Ohne Visum oder Aufenthaltserlaubnis kommt niemand legal an Bord. Asyl kann nur in Europa beantragt werden, nicht in Botschaften oder Konsulaten. Resettlement-Plätze decken einen Bruchteil des tatsächlichen Bedarfs, und Visa sind an Voraussetzungen geknüpft, die Menschen in akuter Not nicht erfüllen können, zumal Behördenstrukturen in Kriegsgebieten oft nicht mehr funktionieren. Genau deshalb braucht es sichere und legale Einreisewege für alle, nicht nur für die, die zufällig mit dem richtigen Pass geboren wurden.
Warum bringt ihr Menschen nicht nach Libyen zurück?
Libyen ist unter keinen Umständen ein sicherer Ort für Flüchtende. Die Zustände in libyschen Internierungslagern wurden unzählige Male dokumentiert, sowohl von der UN als auch von diversen Menschenrechtsorganisationen.⁵ In diesen Gefangenenlagern drohen den Menschen schwerste Menschenrechtsverletzungen wie Folter, Missbrauch, sexualisierte Gewalt und Freiheitsentzug.
Das deutsche Auswärtige Amt beschrieb die Zustände in einem internen Bericht 2017 als „KZ-ähnlich". Daran hat sich nichts geändert! Selbst das UNHCR stellt seit Jahren klar, dass Libyen kein sicherer Ort für Gerettete ist, und das Gericht in Trapani bestätigte in unserem eigenen Verfahren, dass die Flucht aus den Lagern die einzige Möglichkeit ist, sich vor Folter, willkürlicher Haft und sexueller Gewalt zu schützen. Die UN Fact-Finding Mission on Libya kam 2023 in ihrem Abschlussbericht zu dem Schluss, dass an Migrant:innen in libyschen Lagern Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen werden.
Das internationale Seerecht schreibt vor, dass aus Seenot gerettete Menschen an einen sicheren Ort gebracht werden müssen. Dies bedeutet, dass die Grundversorgung der Menschen sowie der Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung und Schutz vor Verfolgung sichergestellt sein müssen.⁶ Auch verbietet die Genfer Flüchtlingskonvention das Zurückführen von Menschen in ein Land, in dem das Leben und die Freiheit der Person gefährdet sind.⁷ Der Grundsatz der Nichtzurückweisung ist auch in Art. 3 der UN-Antifolterkonvention (CAT) sowie in Art. 19 Abs. 2 der EU-Grundrechtecharta verankert.
Wer Menschen nach Libyen zurückführt, bricht internationales Recht. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat bereits 2012 im sogenannten „Hirsi-Jamaa-Urteil" Italien wegen der Rückführung Flüchtender nach Libyen verurteilt.⁸ Genau deshalb finanziert die EU die sog. libysche Küstenwache: damit andere tun, was europäische Schiffe nicht tun dürfen. Die UN Fact-Finding Mission hat auch dazu ein klares Urteil gefällt: Die EU-Unterstützung für jene, die Menschen abfangen und einsperren, leistet Beihilfe zu diesen Verbrechen.
⁵ Amnesty International: 'Between Life and Death': Refugees and Migrants Trapped in Libya's Cycle of Abuse, September 2020, https://www.amnesty.org/en/documents/mde19/3084/2020/en/; UNHCR Position on the Designations of Libya as a Safe Third Country and as a Place of Safety, September 2020, https://www.refworld.org/policy/countrypos/unhcr/2020/123326; UN Independent Fact-Finding Mission on Libya, Abschlussbericht (A/HRC/52/83), März 2023, https://www.ohchr.org/en/press-releases/2023/03/libya-urgent-action-needed-remedy-deteriorating-human-rights-situation-un (alle zuletzt abgerufen am 17.07.2026).
⁶ SAR-Konvention von 1979, Annex, Chapter 1, 1.3.2.
⁷ Artikel 33, Absatz 1, GFK 1951.
⁸ http://hudoc.echr.coe.int/eng?i=001-109231 (zuletzt abgerufen am 17.07.2026).
Ist Seenotrettung überhaupt legal?
Sie ist mehr als das: Sie ist Pflicht. Das internationale Seerecht verpflichtet jedes Schiff, Menschen in Seenot zu helfen. Wer nicht rettet, macht sich strafbar, nicht umgekehrt. Dass ausgerechnet die Retter:innen vor Gericht landeten und nicht diejenigen, die das Sterben verwalten, ist der Kern dieses Falls.